002 Wie waren deine ersten drei Monate ohne Wohnung?

Podcast | 002 Wie waren deine ersten drei Monate ohne Wohnung?

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002 Wie waren deine ersten drei Monate ohne Wohnung?

Aufgeregt stieg ich die Stufen des OpenTours Sightseeing Tour Bus hinauf, meinem Sohn Sascha hinterher, und freute mich irrsinnig, dass wir einen Platz in der ersten Reihe auf dem Cabrio Deck fanden. Wir setzten uns und schlossen unsere Kopfhörer an die Buchsen an der Wand an. Natürlich wählte ich Französisch für den Audioguide. Hier konnten wir interessante Geschichten und Informationen über die Sehenswürdigkeiten anhören, an denen wir vorbei fahren würden. Mein Herz raste vor freudiger Aufregung. Endlich war ich in Paris! Die Stadt der Liebe! Für einen kurzen Moment dachte ich sehnsüchtig an meinen Mann, mit dem ich eigentlich diese Reise unternommen hätte. Es wären unsere Flitterwochen gewesen. Dann schob ich den Gedanken fort. Ich war hier! Mit meinem Sohn, meinem Spatzispatz. Der Busfahrer startete den Motor. Wir fuhren los. Die Sonne brannte gnadenlos auf uns herunter. Es war August. 30 Grad. Zum Glück kühlte der Fahrtwind. Ich ließ die Stimme des Sprechers auf mich einwirken. Wir fuhren vom Hôtel Des Invalides los und überquerten bald die Seine. Wie wunderschön diese Stadt war! Der Place de la Concorde. Die Oper. Die Champs-Elysée. Der Arc de Triomphe. Dieses gigantische Tor erinnerte mich ein bisschen an München. An das Siegestor. München! Meine geliebte Heimatstadt! In den letzten drei Monaten hatte ich München und seine Umgebung von einer völlig anderen Seite her kennen gelernt. Ich hatte drei Monate lang in und um München gelebt. Jedoch nicht in einer Wohnung. Sondern in meinem kleinen Skoda Fabia. Ich dachte an meine erste Nacht im Auto zurück, und erinnerte mich an die Nervosität, die Unsicherheit, die Aufregung.

Ich schaltete den Wecker meines Handys aus. Blinzelnd schaute ich mich um und wurde mir bewusst, wo ich war. Ich war in meinem Auto. In meinem Škoda Fabia. Ich stand auf einem Parkplatz am Riemer See in München. Ich hob meinen Kopf und schaute zum Fenster hinaus. Keine 20 Meter entfernt standen einige Fahrzeuge. Ein Mann joggte an meinem Auto vorbei. Aus einem SUV stieg eine ältere Dame aus. Ein winziger Terrier sprang ihr freudig bellend hinterher. Ich krabbelte aus meinem Schlafsack. Die ganze Bettkonstruktion wackelt bedenklich, und ich musste mich am Fahrersitz festhalten. Das Bett in diesem kleinen Auto war ein echtes Provisorium. Noch provisorischer hätte man kein Bett in dieses Fahrzeug bauen können. Die Rückbank hatte ich nach vorne umgeklappt, die Rückenlehne des Beifahrersitzes hatte ich ganz nach hinten gedreht. Auf dem Beifahrersitz und im Kofferraum waren jeweils zwei stabile Plastikkisten übereinander gestapelt, und die Höhendifferenz hatte ich auf dem vorderen Stapel mit Kissen ausgeglichen. Auf den beiden Kistenstapeln lag der selbst gezimmerte Lattenrost. Ich hatte einfach nur bei einer Schreinerei vier 2 m lange Platten aus massivem Kiefernholz geholt und diese mit flachen Metallverbindungen zusammengeschraubt. Darauf hatte ich eine Campingmatratze zum Aufpumpen gelegt. Zwischen der Matratze und dem Dach des Autos war gerade noch so viel Platz, dass ich mich auf der Matratze im Vierfüßlerstand aufrichten konnte. Ich kletterte umständlich auf den Fahrersitz, zog meine Schuhe an und fuhr los. Ich musste dringend pinkeln. Die nächstgelegene Toilette war an einer Tankstelle in 10 Minuten Entfernung. 

Am nächsten Tag begann die echte Herausforderung. Ich hatte Nachtschicht, wie meistens, und musste tagsüber schlafen. Ich kam an dem Parkplatz im Wald an, und hoffte, dass der Wetterbericht stimmte, und es den ganzen Tag regnen würde. Ich hatte mir in einem Laden für Campingbedarf eine Rolle Reflectix gekauft, eine Thermofolie mit Dämmung, die mein Auto und mich gegen Hitze, Kälte und Blicke schützen sollte. Das Material war unglaublich störrisch, und das Zuschneiden mit Hilfe eines Teppichmessers funktionierte eher so semi-optimal. Die mehr schlecht als recht zugeschnittenen Abdeckungen für alle 6 Fenster erfüllten mehr oder weniger ihren Zweck. Die einzelnen Teile wurden mit Saugnäpfen an den Scheiben befestigt. Die Ränder ließ ich ohne Einfassung, da dies nur eine Zwischenlösung bis Anfang August war, bis ich mein Dachzelt abholen konnte. Das Material quoll freiheitsliebend zwischen den beiden Thermofolien heraus. Seufzend befestigte ich die letzte Abdeckung, legte mich auf meine wackelige Pritsche und stellte den Wecker auf 9 Stunden später. Zwei Stunden später, ich war gerade eingeschlafen, wachte ich schwitzend auf. Die Sonne brannte gnadenlos ins Auto herein. Der Regen hatte aufgehört. Ich kletterte schlaftrunken auf den Fahrersitz, schaltete die Zündung ein und öffnete die Fenster alle eine Handbreit. Schwer und erschöpft hievte ich mich wieder aufs Bett, zog mein T-Shirt und meine Hose aus und schlief bald wieder ein. Mehrere Stunden lang wachte ich immer wieder kurz auf, weil ein Radfahrer mit quietschenden Bremsen an meinem Auto hielt und offensichtlich mein Auto betrachtete. Ab 17 Uhr wurde es besonders krass. Viele Walker, Jogger, Hundegassigeher und Spaziergänger kamen bellend, lachend, schimpfend, diskutierend und rufend an meinem Auto vorbei. Gefühlt jeder zweite fragte seinen Begleiter, ob in diesem Auto wohl jemand schlafen würde. Ich stellte meinen Wecker auf zwei Stunden später. Als der Wecker um 20 Uhr klingelte, stellte ich ihn auf 21 Uhr, denn endlich war es ruhiger geworden. Um 21 Uhr stand ich endlich auf. Ich kletterte auf den Fahrersitz und fuhr 5 Minuten zu einer Tankstelle, denn ich musste dringend mal.

Sascha und ich stiegen am Louvre in den Batobus um. Die Sonne war schon untergegangen, und die Stadt leuchtete und spiegelte sich in der Seine. Bereits vor der Landung hatte ich den Eiffelturm aus dem Fenster sehen können und war jedes Mal dermaßen aufgeregt gewesen, dass mir die Tränen gekommen waren. Schon am zweiten Tag unserer wunderschönen Woche in Paris hatten wir den Eiffelturm vom Tour Montparnasse aus sehen dürfen. Bei jedem Spaziergang durch die Stadt sah man den Eiffelturm immer mal wieder zwischen den Gebäuden. Jedes Mal wieder dieses Herzrasen. Dann kamen wir an der Endstation des Batobus an. Da stand er vor uns. Wundervoll beleuchtet. Jede volle Stunde glitzerte er einige Minuten wie verrückt. Wir gingen durch die Sicherheitskontrolle, und die Schlange an der Kasse war gar nicht so lang. Ab 23 Uhr durfte man nämlich nur noch zum mittleren Balkon hoch fahren. Dann waren wir oben. Die Aussicht war grandios. Paris lag uns zu Füßen. Um Mitternacht umgab uns das Glitzern der 20.000 Lämpchen des gigantischen Turms. Ich schäumte über vor Glück. Das Leben war so wundervoll. Liebe umgab uns. Glücklich stand ich mit meinem Sohn auf der Plattform und genoss das besondere Gefühl, genau jetzt und hier zu sein.

Ich wusste, dass ich eine bessere Lösung brauchte. Ich kaufte die Landvergnügen Vignette, mit der ich je 24 Stunden bei einem der Bauernhöfe parken und dort aufs WC gehen konnte. Am ersten Tag, nachdem ich die Vignette bekommen hatte, fuhr ich morgens nach der Nachtschicht erst zum Duschen ins Hallenbad, dann zu einem der Bauernhöfe, dem ich am Abend zuvor meinen Übernachtungswunsch mitgeteilt hatte. Der Gastgeber empfing mich an der Haustür und zeigte mir den Weg zur Campingwiese und zu den WCs. Ich krabbelte erleichtert in meinen Schlafsack. Die wenigen Camper um mich herum schliefen noch. Ich stellte mir den Wecker und schlief schnell ein. Nach ungefähr zwei Stunden musste ich meine Autotüren alle einen Spalt öffnen, da die Sonne herein brannte. Die Camper waren nun alle wach. Kinder liefen quietschend herum, Hühner gackerten aufgeregt um meinen Fabia herum, ein Esel schrie mir zu, ich solle aufstehen. Ab mittags gab ich es auf, weiter zu schlafen, erklärte den fragenden Blicken, dass ich Nachtschicht hätte, und fuhr vom Platz. Ich fuhr in einen Waldweg und parkte direkt vor dem Schild, das mir das Weiterfahren verbot. Die restlichen 6 Stunden schlief ich ohne Unterbrechung, ohne Schwitzen, ohne Kommentare, Krähen, Bellen, Quietschen und ohne von der Sonne verbrutzelt zu werden. Die Geräusche der vorbeifahrenden Autos waren nicht weiter schlimm. Nach dem Aufstehen pinkelte ich mitten im Wald. Ich war ausgeschlafen. Ich ging ein Stück spazieren und genoss den Duft des Waldes. Nun wusste ich, wo ich die nächsten Monate bis zur Abholung meines Dachzeltes übernachten würde. Dankbar umarmte ich den Baum vor meiner Nase und flüsterte ihm zärtlich ins Ohr: „Danke, dass du da bist.“

Wenn euch meine Vanlife Storys gefallen, abonniert mich und lasst mir einen Like da. Im nächsten Kapitel beantworte ich eure Frage: Wie war dein erster Monat im Dachzelt? Im Juni 2020 erscheint mein Buch „parkitloveit“.

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